Was gerade wirklich in Unternehmen passiert und warum queere Mitarbeitende zwischen Angst, Wut und Hoffnung hängen
Zur Einordnung: Ich arbeite seit 16 Jahren an der Schnittstelle von Arbeitsmarkt, Unternehmen und queerer Community. Als Gründer und Geschäftsführer der UHLALA Group begleite ich Unternehmen, HR Teams und Führungskräfte bei LGBTIQ Themen und bin im kontinuierlichen Austausch mit queeren Mitarbeitenden aus unterschiedlichsten Branchen. Zu dieser Arbeit gehören unter anderem Formate wie STICKS & STONES, PROUDR, ALICE, We Stay Pride sowie strukturierte Audits wie Pride Champion. Die Beobachtungen in diesem Text basieren nicht auf Theorie, sondern auf vielen konkreten Gesprächen, die ich in den letzten Monaten mit Unternehmen und vor allem mit queeren Menschen geführt habe, die in diesen Unternehmen arbeiten. Und das Bild, das sich daraus ergibt, ist deutlich komplexer, als es viele öffentliche Debatten gerade zulassen.
Ja, Diversity Budgets wurden gekürzt, teilweise massiv, in manchen Unternehmen sogar komplett gestrichen. Das betrifft nicht nur LGBTIQ Themen, sondern fast alle Diversity Bereiche. Netzwerke wurden eingefroren, Programme pausiert, externe Partnerschaften beendet. Und ja, das erste Halbjahr des letzten Jahres war für viele eine absolute Katastrophe.
Was dabei oft übersehen wird, ist etwas anderes. Die Menschen, die in diesen Unternehmen für Diversity, für queere Themen, für Gleichstellung gearbeitet haben, sind nicht einfach verschwunden. Sie sitzen immer noch dort, oft verunsichert, teilweise verzweifelt und häufig ohne klare Orientierung, was sie noch tun dürfen, was sie sagen können und wo plötzlich rote Linien verlaufen, die es vorher nicht gab.
Viele dieser Entscheidungen wurden nicht aus Überzeugung getroffen, sondern aus Angst. Angst vor wirtschaftlichen Einbußen, Angst vor politischem Gegenwind und Angst davor, Regierungsaufträge zu verlieren, weil auf einer Website das falsche Wort steht oder ein falsches Symbol zu sehen ist. Dabei geht es nicht um kleine Beträge, sondern um Summen, bei denen im Zweifel ganze Abteilungen oder Standorte auf dem Spiel stehen.
Ich habe dafür ein gewisses Verständnis. Denn die Alternative heißt in vielen Fällen Kündigungen. Und niemandem ist geholfen, wenn aus Haltung heraus Arbeitsplätze verloren gehen. Diese Realität auszublenden, macht die Debatte nicht gerechter, sondern nur einfacher und leider auch falscher.
Gleichzeitig gibt es aber noch eine zweite Wahrheit. Für manche war diese Phase eine willkommene Gelegenheit. Menschen, die Diversity nie wirklich gut fanden, nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil sich Machtverhältnisse verschoben haben. Weil plötzlich nicht mehr nur die zum Zug kamen, die sich kannten, sondern Menschen, die gut waren, anders, kompetent, sichtbar. Für einige war der Rückzug von Diversity eine Erleichterung. Und auch das muss man benennen dürfen.
Was mich trotz allem vorsichtig optimistisch macht, ist, dass sich der Wind langsam wieder dreht. In den letzten Monaten merke ich in Gesprächen, dass viele Unternehmen erkennen, wie kontraproduktiv der komplette Rückzug ist. Nicht aus moralischen Gründen, sondern aus wirtschaftlichen. Unternehmen wollen die besten Mitarbeitenden, sie wollen innovative Produkte entwickeln und sie wollen Teams, die funktionieren. Und sie merken zunehmend, dass all das nicht gelingt, wenn Menschen sich verstecken müssen oder innerlich kündigen.
Denn darüber wird viel zu selten gesprochen. Diversity wirkt. Nicht als Buzzword, sondern im Alltag. Mitarbeitende arbeiten besser, wenn sie sich sicher fühlen, wenn sie wissen, dass sie nicht ständig aufpassen müssen, was sie sagen, wie sie leben oder wen sie lieben. Mentale Gesundheit ist kein weiches Thema, sie entscheidet über Leistung, Bindung und Kreativität.
Deshalb greift auch der Vorwurf des pauschalen Pinkwashings zu kurz. Ja, es gibt Unternehmen, die sich bunte Fahnen umhängen, ohne intern etwas zu verändern. Die gab es schon immer. Aber es gibt eben auch sehr viele andere. Unternehmen, bei denen CSD Teilnahmen, interne Netzwerke oder externe Kooperationen hart erkämpft wurden, oft von queeren Mitarbeitenden selbst, gegen Widerstände, gegen Vorstände, gegen Kommunikationsabteilungen.
Diese Kämpfe sind real. Und sie werden gerade wieder härter.
Veränderung ist noch nie nur von oben gekommen, weder auf der Straße noch in Unternehmen. Grassroots Bewegungen waren immer der Motor. Und sie sind es auch jetzt wieder. Das gilt für Proteste genauso wie für interne Netzwerke, für unbequeme Gespräche und für Strukturen, die nicht perfekt sind, aber überprüfbar.
Deshalb ist es so wichtig, genauer hinzuschauen. Nicht jedes Unternehmen, das gerade vorsichtiger kommuniziert, ist automatisch böse. Und nicht jedes Unternehmen, das sichtbar bleibt, macht automatisch alles richtig. Entscheidend sind die Strukturen, die Prozesse und die Frage, ob es Ansprechpersonen gibt, ob Fortschritt messbar ist und ob es eine echte Bereitschaft gibt, sich überprüfen zu lassen.
Genau deshalb sind Formate wie STICKS & STONES für viele gerade mehr als nur eine Messe. Sie sind ein Ort der Orientierung. Ein Ort, an dem queere Menschen Arbeitgeber treffen, die sich bewusst positionieren und an dem sichtbar wird, dass Haltung und wirtschaftlicher Erfolg sich nicht ausschließen müssen.
Mein Appell an queere Menschen, die gerade einen Job suchen oder überlegen zu wechseln, ist deshalb einfach. Achtet nicht nur auf schöne Worte, achtet auf Strukturen, auf Netzwerke und auf Prozesse, die regelmäßig überprüft werden, etwa durch Audits wie Pride Champion. Kein Unternehmen ist perfekt. Aber es macht einen Unterschied, ob Veränderung wirklich gewollt ist oder nur behauptet wird.
Und mein Appell an alle, die gerade frustriert sind. Ihr seid nicht allein. Viele kämpfen gerade denselben Kampf, leise, intern, oft unsichtbar. Aber genau aus diesen Kämpfen ist Veränderung schon immer entstanden.
Was gerade in Unternehmen passiert, ist widersprüchlich. Es ist geprägt von Angst, von Rückschritten, aber auch von Lernprozessen. Es bewegt sich irgendwo zwischen Wut, Erschöpfung und Hoffnung. Und genau deshalb lohnt es sich, jetzt nicht wegzuschauen, sondern differenziert hinzusehen.