Queer sein im Unternehmen wird gerade wieder komplizierter
In den letzten Monaten höre ich denselben Satz immer häufiger. Leise, fast nebenbei. In Gesprächen, in Mails, hinter vorgehaltener Hand.
„Vielleicht sollte ich mich im Job erst mal nicht so sichtbar zeigen.“
Das ist kein Zufall. Und es ist auch kein individuelles Gefühl. Es ist ein politisches Symptom.
Während rechte Kräfte weltweit wieder an Einfluss gewinnen und die wirtschaftliche Unsicherheit zunimmt, ziehen sich viele Unternehmen zurück. Nicht mit einem Knall, sondern still. Diversity Programme werden eingefroren, queere Themen verschwinden aus der Kommunikation, interne Netzwerke verlieren Rückhalt. Offiziell heißt es dann Wirtschaftskrise, Prioritäten verschieben sich, Fokus aufs Kerngeschäft. Inoffiziell spielt noch etwas anderes mit hinein: Angst.
Angst vor politischem Gegenwind. Angst vor Schlagzeilen. Angst davor, in einem raueren Klima anzuecken.
Und Angst war noch nie ein guter Ratgeber, wenn es um Minderheiten ging.
Für queere Menschen hat das sehr konkrete Folgen. Bewerbungen werden wieder vorsichtiger formuliert. Pronomen verschwinden aus Lebensläufen. Das Outing im Vorstellungsgespräch wird wieder zur Risikoabwägung. Nicht aus Paranoia, sondern aus Erfahrung. Wer glaubt, dass wir diese Phase längst hinter uns gelassen haben, unterschätzt, wie schnell Fortschritt kippen kann, wenn er nicht aktiv verteidigt wird.
Nicht jeder Arbeitgeber, der Diversity zurückfährt, ist automatisch queerfeindlich. Aber jeder Arbeitgeber, der jetzt schweigt, nimmt queere Unsicherheit billigend in Kauf. Das ist die unbequeme Wahrheit.
Vielleicht müssen wir uns als Community auch selbst etwas eingestehen. Wir haben uns in den letzten Jahren daran gewöhnt, dass die Sichtbarkeit wächst, dass Logos bunt werden, dass Fortschritt sich selbstverständlich anfühlt. Wir haben geglaubt, das Rad dreht sich nur in eine Richtung. Dass einmal erkämpfte Räume bleiben. Dass der Arbeitsmarkt für queere Menschen dauerhaft sicherer wird.
Diese Annahme platzt gerade.
Was wir jetzt erleben, ist kein kompletter Rückschritt, sondern ein gefährliches Innehalten. Und genau in solchen Momenten zeigt sich, wie stabil unsere Strukturen wirklich sind. Ob queere Karrieren von guten Zeiten abhängen oder von echter Überzeugung.
Deshalb braucht es jetzt mehr als Appelle. Es braucht Orte, an denen Haltung nicht verhandelbar ist. Räume, in denen queere Menschen sich nicht erklären müssen. Und Arbeitgeber, die bewusst sagen: Wir stehen dazu. Auch jetzt. Gerade jetzt.
Genau aus diesem Grund gibt es STICKS & STONES. Nicht als bunte Wohlfühlveranstaltung, sondern als Infrastruktur. Als bewusste Verbindung zwischen queeren Talenten und Unternehmen, die verstanden haben, dass Vielfalt kein Luxus ist, den man sich nur in guten Zeiten leisten kann. Sondern ein Wert, der gerade dann zählt, wenn es unbequem wird.
Wer queer ist, darf sich im Moment nicht darauf verlassen, dass andere das schon regeln. Vernetzung ist wieder keine nette Option, sondern eine Form von Selbstschutz. Sichtbarkeit wird wieder zur Entscheidung. Und Solidarität wieder zur aktiven Handlung.
Diversity war nie selbstverständlich. Und wer glaubt, sie sei sicher, wird gerade eines Besseren belehrt.